Literarische Themen

Literarische Themen

"Die Zwillinge"

von Wolfgang Detmann (c) 2008
verlegt bei den Frankfurter Literaturverlagen 2009

Leseprobe 1 vom 8.Februar 2009, ergänzt am 13. Februar 2009
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7.Kapitel

FLAMENCO

Lila Blütenstauden hingen über den rostigen Zaun entlang des Weges zum Bahnhof in Torreblanca. Kanou riss sich eine davon ab und steckte sie im Vorbeilaufen an seine Jacke. Er war wieder einmal spät dran, denn als chronischer Autofahrer konnte er sich an die strengen Zugabfahrtszeiten schlecht gewöhnen. Der Bahnhof Torreblanca war eigentlich gar kein richtiger Bahnhof. Er bestand aus einem Holzhäuschen, einer Mischung aus Kiosk, Bahnhofskneipe und Gartenwirtschaft, sowie einem Bahnsteig mit zwei Bänken und zwei Ticketautomaten, einer links, der andere rechts der Treppe. Auf den orangen Holzbänken vor der Kneipe saßen gewöhnlich arbeitslose Einheimische, betrunkene Briten und stark geschminkte Damen in kurzen Röcken. Eine lachte laut und ordinär, als Kanou vorbeiging. Wahrscheinlich hatte einer der Briten ihr gerade eine Zote ins Ohr geflüstert, die sie halb verstanden hatte. Am Automat stand ein Tourist mit seiner blondierten Ehefrau, deren Hüftpolster ihr kurzes Sommerkleid zu sprengen schien. Beide hatten Schwierigkeiten mit der Bedienung des Ticketautomaten. Ihre punkig gekleideten Kinder versuchten sich in der Zwischenzeit gegenseitig vor die ankommende Bahn zu stoßen.

Es war dreizehn nach, als sich die Türen schlossen und sich der Zug in Bewegung setzte. Die Wagen waren ziemlich voll. Kanou begab sich ganz ans Ende des Zuges und nahm dort auf einem Notsitz Platz. Nach ein oder zwei Minuten fiel sein vagabundierender Blick auf einen alten Mann, der müde und mit leeren Augen an die Decke starrte. Kanou hatte schon von Bettlern in Südspanien gehört, die in öffentlichen Verkehrsmitteln Mitreisende in ein Gespräch verwickelten. Wer sich darauf gutgläubig einließ, hatte kaum eine Chance, den hartnäckigen Gesprächspartner im Guten loszuwerden. Doch dieser Mann schien ihm so mutlos und in sein schlechtes Schicksal ergeben, dass ihm eine irgendwie geartete Aggressivität nicht mehr zuzutrauen war. An der nächsten Station stiegen die beiden Frauen, die neben ihm gesesssen hatten, aus. Kurzentschlossen wechselte Kanou die Seiten und setzte sich neben ihn. Erst jetzt bemerkte er, wie stark dieser Mann nach Alkohol und unsauberer Kleidung stank. Sicher hatte er nicht immer so gestunken, war vielleicht einmal Angestellter oder Techniker gewesen und hatte ein sauberes Hemd und eine Krawatte getragen, hatte eine Frau gehabt, die dafür sorgte, dass er nicht stank, und Kinder, die seinem Leben einen Sinn gaben, weil er sich durch sie unsterblich wusste. Doch jetzt schien er seinen Stolz und seine Würde verloren zu haben und damit auch die Gesellschaft und die Akzeptanz anderer Menschen, die ihn mieden, weil Armut stinkt, und die Menschen, die ihm begegneten, befürchteten, dass sein Gestank und seine Verzweiflung ansteckend seien. Das Schlimmste aber war, dass er seine Orientierung und seinen Weg verloren hatte, dass er ihm gleichgültig war, ob der Zug in diese Richtung oder in die Gegenrichtung fuhr. Weil er kein Ziel hatte, besaß sein Leben auch keinen Sinn mehr.

 

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Ende des sechzehnten Jahrhunderts schrieb der königliche Sekretär von Philipp II.von Spanien, Antonio Perez ein Tagebuch über Schiebung, Bestechung, Erpressung und sogar Mord in den Kreisen der höfischen Gesellschaft. Dreißig Jahre später wird seine Prophezeiung wahr, dass ein junger Mönch aus der Bergen bei Pérpignan die Schandtaten eines mächtigen Mannes aufdecken und rächen wird. Es ist der junge Taciturno, der als Kleinkind an den Pforten des Klosters "Santa Immaculata" abgesetzt worden war und der sich mit zwanzig Jahren auf den Weg nach Barcelona macht, um das zu tun, was er für seine Bestimmung und seinen Auftrag hält, den armen und durch die Inquisition unterdrückten Menschen zu helfen. Dort findet er seine Halbschwester Claire. Die beiden geraten in die Mühlen der Inquisition.

Haben sie eine Chance der übermächtigen Behörde zu entkommen?